Die letzte Nacht


Die letzte Nacht

Zuhause schlief Sombali erst mal seinen Narkoserausch aus und ich suchte am Computer sanfte, beruhigende Katzenmusik. Dann holte ich mir ein Glas Sekt aus dem Kühlschrank, setzte mich in meine verträumte Laube zwischen den bunt blinkenden Bäumen und zündete auf dem Tischchen die Kerzen an.

Ich hatte so lange Angst vor diesem Moment. Seit Jahren hatte ich ihn vor Augen – im Wissen, dass er eines Tages eintreffen würde, und hatte versucht, mich darauf vorzubereiten. Immer wieder nahm ich das Glück und die Erfüllung in den innigsten Momenten mit Sombali bewusst und unendlich dankbar wahr und nahm gleichzeitig in gewisser Weise lebendigen Abschied von ihm, um mich einst an dieses wunderschöne Gefühl erinnern zu können – und auch für den Fall, dass ich vielleicht am Ende keine Gelegenheit mehr dazu bekommen sollte.

Jetzt war er also wirklich da,
dieser Angstmoment,
aber er fühlte sich irgendwie
ganz anders an,
als ich ihn erwartet hatte.
Da war gerade gar keine Angst.
Da war viel mehr
eine große Klarheit.
Sie war hell und arglos,
wie Sombalis Augen.
Ich war ganz ruhig.
Eine große Friedlichkeit
lag im Raum und die Zeit
verlor sich darin.

Sombali hatte für seinen Tod einen Moment gewählt, in dem ich einfach Zeit hatte, da zu sein und mit ihm diesen letzten Weg zu gehen. Keine Reise, keine Messe, kein Jobstress, nichts. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Und auch dafür, dass er mir seinen Tod genau auf diese Weise zugemutet hat, so offen und erlebbar, und nicht als Unfall oder sonst ein überraschendes, plötzliches Ereignis. Er wählte jene Version, die für mich die größte Herausforderung war, denn ich war noch nie beim Sterben eines Lebewesens dabei – und schon gar nicht bei einem so über alles geliebten. Er sollte bis zum letzten Atemzug mein Lehrer bleiben.

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Ach Sombali.
Du bist so schön.
So unbeschreiblich schön.
Lass mich ein letztes Mal
versinken in der Ewigkeit
deiner großen, offenen,
unschuldigen Augen.
Lass sie mich umschließen,
nimm mich auf in dir,
nimm mich mit auf deine Reise,
so wie ich dich auf all meinen
inneren und äußeren Reisen
bei mir hatte.
Trage mich mit dir
über den Regenbogen
in eine andere Welt,
in der es
keine Trennung mehr gibt.
Ich mag nicht alleine
zurückbleiben
auf dieser kalten, leeren Erde.
Ich mag nicht alleine
zurückbleiben
auf dieser kalten, leeren Erde.
Du zwinkerst mir zu
und ich muss lachen.
Wie cool du bist.
Du weißt genau, was passiert.
Aber du fürchtest dich nicht.
Du erträgst es so würdevoll,
so ergeben, so friedlich.
Du haderst nicht,
du jammerst nicht,
du akzeptierst es,
weil es so ist.
Weil der Tod
ein Teil des Lebens ist.
Dein Blick sagt zu mir:
„Tu du es auch,
schau, es geht.
Wir sind auch jetzt
gemeinsam stark.
Auch wenn ich weggehe.
Hab keine Angst.
Schau, es ist das Leben.
Es vergeht,
aber unsere Liebe und alles,
was wir zusammen erlebt haben,
wird nie vergehen,
der Tod nimmt es uns nicht weg.
Halte mich, spüre mich,
lass uns die letzten
warmen Atemzüge genießen
und in ihnen gemeinsam
auf getrennten Wegen
verloren gehen.“
Ja, mein Schatz.
Ich werde bei dir bleiben
bis zum Schluss
und spüren,
wie die letzte Wärme
aus deinem Körper weicht.
Ich möchte sie
bis zum letzten Hauch
in mich aufnehmen
und sie in mir tragen
für alle Zeit.

Ich legte mich zu ihm,
Löffelchen,
sein magerer Körper
an meinem Bauch,
meine Hand vergraben
in seinem Fell.
Wir atmeten gemeinsam.
So warteten wir,
bis die Ärztin kam.